Das Interhyp-Prinzip

Der große Tag

By , 7. Februar 2012 22:20

Heute war es also so weit. Der große Tag. Die Zwangsversteigerung, bei der es um unser Objekt der Begierde ging.

Die Nacht war unruhig, die Nervosität vor solch einer großen Entscheidung ist doch spürbar. Wird alles klappen? Wie viele Interessenten werden da sein? War unsere Vorbereitung auch vollständig? Ist unsere Sicherheitsleistung angekommen?

Die Antworten auf diese Fragen und noch mehr erfahrt ihr im folgenden! (Vorsicht, lang)

Der Versteigerungstermin war zum Glück recht früh auf 9:30 Uhr festgelegt, so dass zwischen Aufstehen und Versteigerung nicht all zu viel Zeit blieb.

Um auch ja nicht zu spät zu kommen, sind wir dann auch schon eine Stunde vorher losgefahren. Normalerweise braucht man für die Strecke ca. 15 Minuten. Aber man weiß ja nie. Nachher ist ein Bus vor einem, die Bahnschranke unten oder vielleicht platzt gar ein Reifen am Auto? =:-o

Es geht aber alles glatt und so sind wir überpünktlich bei Eiseskälte am Amtsgericht. Also nichts wie rein und zum Zeitvertreib nochmal die Versteigerungsakte angesehen.
10 Minuten vor Versteigerungstermin dann rüber zum Saal. Mal sehen, wer so da ist…
Ah, der Nachbar, den wir schon kennen. Freundlicherweise will er nur schauen und nicht bieten. 🙂
Hmm, die Dreiergruppe könnten die Gläubiger nebst Anwalt sein. Dann noch eine entfernte Bekannte, die per Zufall auch da ist. Will aber auch nur schauen. Ansonsten noch zwei oder drei andere Parteien.
Alles in allem nicht so leer wie gehofft aber auch nicht so voll wie befürchtet.

Dann öffnen sich Tore des Schicksals, äh, die Saaltüren und wir betreten den Raum. Kurz vor der Verhandlung kommt auch der Schuldner… Na, das kann ja heiter werden!

Kurz darauf eröffnet die Rechtspflegerin das Verfahren. Sie beginnt mit dem Verlesen des ganzen formalen Rahmens. Wir hören zu und vergleichen mit unseren Unterlagen. Mindestgebot, Verkehrswert, 5/10- und 7/10-Grenzen, Vollstreckungsschutzantrag, Dauer der Bietstunde, zu hinterlegende Sicherheit. MOMENT, was war das? Vollstreckungsschutz? Waaaargs!
Der Puls geht schlagartig auf 180. Was, wer, wie? OK, erstmal zuhören: der Schuldner glaubt, er könne seine Schulden noch begleichen und bekommt dafür eine alleralleraller-letzte Frist. Das Verfahren ist somit quasi vorläufig und einen finalen Zuschlag wird es erst nach Ablauf dieser Frist geben. Heute jedenfalls nicht. Na super…

Weiter geht es dann noch mit dem Biet-Modus: bei „unserem“ Haus wird das Verfahren aus der dritten Position betrieben. Die betreibende Gläubigerin ist aber auch Inhaberin der zweiten Position. Bei einem Gebot muss man also angeben, ob man ein Gebot auf das gesetzliche oder das alternative Verfahren macht. Na großartig, muss das sein? Nicht, dass wir nicht schon nervös genug wären. Jetzt auch noch so ein Sonderkrams…
Weiterhin müssen wir noch die Position 1 berücksichtigen, eine Bank, die ihre Ansprüch vollumfänglich angemeldet hat. Also flugs das vorab ausgerechnete Maximal-Gebot entsprechend reduzieren. Hatten wir sowieso erwartet.
Die Rechtspflegerin ist aber toll und beantwortet geduldig alle Fragen von uns Laien. Zumindest nachdem sie formal die Bietstunde eröffnet hat.

Das Rennen kann also beginnen!

Wie erwartet und auch schon bei der Muster-Versteigerung beobachtet, ist die Bietstunde eher unspektakulär, da sich wenig tut. Direkt zu Beginn wird ein erstes Gebot abgegeben. Danach tut sich lange nichts.

Wir entschließen uns, möglichst lange abzuwarten, um zu sehen, wer sonst noch so im Rennen ist. Sollten die Gebote jetzt schon zu hoch werden, würden wir ggf. gar nicht erst einsteigen.
Momentan ist auch noch nicht absehbar, wer die Player sind. Insgesamt sind neben uns noch 4-5 weitere Parteien im Saal, wobei aber unklar ist, wer potentieller Bieter und wer nur Interessent ist.

Gegen Ende der Bietstunde fassen wir dann schließlich auch unseren Mut zusammen, gehen nach vorne und lassen uns registrieren, sprich Personalausweis prüfen, Sicherheit prüfen und Gebot nennen. Jetzt wird es also ernst!
Kurz darauf ist die Bietstunde zu Ende. Die Spannung steigt, mein Puls ist bei gefühlten 180 Schlägen pro Sekunde. Nach außen bin ich natürlich ganz ruhig. Das reinste Pokerface. Die Verkörperung von Daddy Cool. Zumindest solange man meine krampfhaft auf die Armlehnen gepressten Hände, die pochende Pulsadern und in Falten gelegte Stirn nicht sieht. 😀
Unser Gebot hält nicht lange, der Gegner geht sofort drüber. Wir schlagen zurück. Prompte Reaktion, erneuter Gegenschlag. Gebot folgt auf Gebot. Schnell stellt sich heraus, es gibt neben uns nur einen weiteren Bieter. Immerhin.
Nach dem fünften Gebot fällt der Rechtspflegerin ein, dass meine Frau ja auch zustimmen muss. Sie fragt nach, meine Frau bekommt neben einem trockenen Krächzen kaum noch einen Ton raus.
Weiter geht die Jagd. Zwischendurch stellen sich erste Mordgedanken ein. Kann der nicht endlich aufgeben?
Die Rechtspflegerin spricht zu dem Rest des Saals: „Sie dürfen noch jederzeit Gebote abgeben, das ist keine exklusive Verhandlung zwischen den beiden Parteien!“. Ups, den Rest haben wir wohl abgehängt.
Das Bietgefecht geht weiter, mal mit zermürbend niedrigen Aufschlägen, mal mit nervenzerfetzenden Sprüngen. Aber der Gegner gibt nicht auf. Langsam aber sicher nähern wir uns unserer Schmerzgrenze. Und ich habe nicht vor, sie zu überschreiten. Hoffentlich geht das gut!
Vera neben mir verkrampft zusehends. Ab und zu fragt die Rechtspflegerin nach, ob Vera einverstanden sei. Sie nickt. Mehr geht nicht mehr.
Ich muss mir so langsam etwas einfallen lassen. Ich ziehe meinen letzten Taschenspielertrick aus der der – nun ja – Tasche: bei einer psychologisch wichtigen Grenze stoße ich einen Seufzer aus und lege noch mal eine Schippe drauf. Wir hätten noch Reserve aber ich will signalisieren, dass wir die Grenze nicht weiters beachten.

Stille.

Spannung.

Keine Reaktion.

Die Rechtspflegerin setzt an: „Zum ersten“

„Zum zweiten“ (jetzt bin ich richtig angespannt, ich hatte vorher auch mal bis zum zweiten Ruf gewartet, um den Gegner zu verunsichern)

Die Millisekunden dehnen sich.

Die Rechtspflegering setzt an. „Zum dritten!“

Keine Reaktion mehr vom Gegner. Woaaaaaaaaaaaah! Adrenalin flutet meinen Körper. Kurz vor knapp aber wir haben das Höchstgebot abgegeben. Wir trauens uns nicht Freude zu zeigen, zu unsicher ist noch die Lage, zu angespannt sind unsere Nerven, zu beobachtet fühlen wir uns vom Schuldner.

Jetzt folgt noch die Routine, Bekanntgabe der letzten Frist, Verkündung des Höchstgebots, Notizen etc. Danach verlassen wir den Saal. Unsere zukünftigen Nachbarn haben noch gewartet und freuen sich schon mit uns. Schön!
Abends stoßen wir dann – noch vorsichtig – mit meinen Eltern an und feiern einen ereignisreichen Tag.

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