Das Interhyp-Prinzip

Grundrissentwicklungsprozess

By , 26. August 2012 20:12

Schönes Wort, oder? „Grundrissentwicklungsprozess“. Für sowas muss man die deutsche Sprache einfach lieben. 🙂

Hier hatte ich ja schon mal unseren ersten Entwurf gezeigt. Aber wie hat eigentlich alles angefangen und wie sieht das fertige Ergebnis aus?

Den Entwurf und die Entwicklung von unserem Grundriss habe ich tatsächlich versucht, in einer Art mehrstufigem Prozess zu verfeinern. Er gliedert sich in die gedachten folgenden Schritte.

Idee

Im Ideenstadium war alles erlaubt. Jegliche Kreativität wurde ausgenutzt. Teilweise habe ich jeden Tag mir neue Möglichkeiten ausgedacht, um zu prüfen, was wir so alles machen könnten.

Typische Werzeuge für dieses Stadium: Gehirn, Papier und Bleistift, andere Dinge, mit denen man zeichnen kann.

Beispiel für verworfene Ideen in diesem Stadium: Schlafzimmer im Erdgeschoss, Badezimmer im Keller direkt darunter und mit einer Wendeltreppe verbunden. Nette Idee, aber nein, nicht wirklich. 🙂

Beispiel für ein Ergebnis dieser Phase: ein Grundriss, den wir im Urlaub am Strand diskutiert haben.

Flugtauglichkeit

Meine erste Frage an jeden Grundriss war: „Bekommen wir den ans Fliegen?“. Soll heißen, erfüllt der Grundriss die wichtigsten Anforderungen? Gefällt er uns? Enthält er grundlegenden  KO-Kriterien? Kurzum, ist er es wert, dass wir uns weiter damit beschäftigen?

Diese Stufe war notwendig, weil ich auch sehr unterschiedliche Grundrisse betrachtet habe. Ich wollte vermeiden, dass wir uns selber dadurch beschränken, indem wir Grenzen hinnehmen, die eigentlich nicht da sind. Ein Beispiel ist die Orientierung an bestehenden Räumen. Irgendwie denkt man am Anfang an diese und richtet den Plan danach aus. Dabei wird das Obergeschoss doch abgerissen!

Bei den meisten Entwürfen war es hier schon notwendig, eine etwas konkrete Zeichnung anzufertigen, um zu prüfen, ob die Raummaße passen oder wie sich einzelne Räume so gestalten lassen.

Typische Werzeuge für dieses Stadium: CorelDraw! Dieses Tool ist ein Vektorzeichenprogramm, das extrem mächtig ist (Tip: die nicht aktuellen Versionen können schon mehr als man jemals nutzen wird und sind durchaus preiswert. Ich selber arbeite mit X4 der Vorvorgänger-Version der aktuellen X6). Ich arbeite zwar schon viele Jahre damit, es ist aber durchaus intuitiv zu verstehen und macht genau das, was ich möchte. Ich habe mir unseren Außengrundriss dort nachgebaut und dann ein Raster aus Linien eingefügt, das ein 5mm-Kästchen-Muster ergab. Diese Vorlage dann mehrfach ausgedruckt und schon hatten wir eine Vorlage, in der wir verschiedenste Grundrisse maßhaltig einzeichnen konnte. Sicherlich nicht perfekt, weil z.B. Wandstärken nicht berücksichtigt werden aber schon mal gut für die grundsätzliche Beurteilung. Das nächste Bild zeigt diese Vorlage.

In CorelDraw habe ich ebenfalls Kästchen in verschiedenen Größen gezeichnet, die wir dann als stilisierte Möbel auf den Plan legen konnte, um so zu prüfen, ob ein Raum groß genug ist.

Hilfreich war an dieser Stelle auch unser Kundenberater, der mehrere Pläne in sein Planungstool (ViPlan) eingegeben hat. Hier waren dann immerhin schon die richtigen Wandstärken enthalten.

Beispiel für verworfene Ideen in diesem Stadium: Hauseingang von vorne auf eine Seite verlegen und Treppenhaus verlegen (siehe nächstes Bild. Copyright Stommel Haus). Der Seiteneingang stört die gesamte Hausachse, die natürlicherweise von Sünden nach Norden führt. Außerdem hätten wir an der Seite einiges aufschütten müssen, um den Seiteneingang zu realisieren.

Beispiel für ein Ergebnis dieser Phase: ein Grundriss, der auf einer Idee meines Vaters beruht, nämlich das Badezimmer „hinter“ das Schlafzimmer zu legen und auch nur von dort in das Badezimmer zu gelangen. Spart Verkehrsweg und trennt das Schlafzimmer von der Straßenfront. Um Bade- und Schlafzimmer ausreichend groß zu bekommen, wurde hier die Querachse des Hauses asymmetrisch geplant und einen Meter weiter nach Süden verschoben. Hier trat auch das erste Mal die Idee, den bestehenden Balkon zu überbauen ans Tageslicht, geboren aus der Notwendigkeit, ausreichend Platz im Wohnzimmer zu behalten.

Kandidatenauswahl

Am Ende standen zwei verschiedene Grundrisse, zwischen den wir uns entscheiden mussten. Beide waren gedanklich gründlich durchgekaut und von allen Seiten betrachtet. Das Für und Wider wurde abgewogen und mit einer Prise Emotionen aufgemischt. Wie soll man sich auch für einen Grundriss entscheiden, der einen vielleicht 20 oder 30 Jahre seines Lebens begleitet? Wie kann man sich die Räume vorstellen? Wie wirken sie? Erfüllen Sie auch wirklich den Sinn und Zweck, den man ihnen zugedacht hat? Wirkt die Emotionalität der Räume? Das und vieles mehr ging uns durch den Kopf auf dem Weg zu einer Entscheidung…

Typische Werzeuge für dieses Stadium: ausgedruckte 1:100-Pläne. Nichts geht über ausgedruckte Pläne! So nützlich Computer auch sind, bei einer Entscheidungsfindung ist ein farbiger Plan in DIN A3-Größe unschlagbar. Plain and simple: keine Computer in dieser Phase

Beispiel für verworfene Ideen in diesem Stadium: hier musste der Plan mit kombiniertem Bade- und Schlafzimmer dran glauben. Nicht, weil er schlecht war sondern einfach weil die emotionale Seite für den ersten Grundriss den Ausschlag gegeben hat. Irgendwie hat es sich bei dem einen Plan einen Tick besser angefühlt.

Beispiel für ein Ergebnis dieser Phase:der Plan, mit dem wir die weitere Planung mit unserer Architektin fortführen. Wichtigste Änderungen: der Balkon ist hier jetzt auch überbaut. Den Platz brauchen wir nicht wirklich. Allerdings ist der Balkon mit der Bodenplatte des Erdgeschosses durchgehend verbunden. Hätten wir den Balkon so gelassen, hätten wir ihn aufwendig dämmen müssen, um eine Wärmebrücke zu verhindern. Das Überbauen ist da letzten Endes preiswerter und schöner. Die Dämmung des Balkons hätte ansonsten bewirkt, das man zum Balkon hin eine Stufe nach oben gehabt hätte. Außerdem ist das Gäste-WC neben das Schlafzimmer gerutscht. Diese Platzierung sich nicht ideal, hat sich aber als Kompromiss bei der Raumgestaltung nicht vermeiden lassen.

Feinschliff

In der Feinschliffphase geht es jetzt darum, alle wesentlichen Merkmale, die für den Bauantrag benötigt werden, mit der Architektin zusammen festzulegen. Es folgt ein reger Austausch und nach mehreren Iterationen konvergiert der Plan so langsam. Details wie einzelne Fenster oder Innenwände können zum Glück auch nachträglich noch verschoben werden. 🙂

In dieser Phase habe ich auch angefangen, unser Haus mit einem 3D-Planer nachzubauen. Mein Tool der Wahl ist Sweet Home 3D. Ein gutes Tool, das fortgeschritten genug ist (Eingabe von exakten Maßen per Tastatur, Wandstärken) andererseits aber auch nicht zu kompliziert ist. Und das Beste: es ist kostenlos! Der Hersteller veröffentlicht es unter der GNU Public License. Das führt u.a. dazu, dass es eine rege Unterstützung in Form von Plug-Ins, Dokumentation und Tutorials gibt. Über die Import-Funktion kann man sogar alle Objekte von (früher Google) SketchUp einbinden.

Eine Render-Funktion ermöglicht es sogar, schick aussehende Ansichten des Entwurfs zu erstellen.

Fazit

Die Grundrissplanung hat wahnsinnigen Spaß gemacht! Die Entscheidung für einen Grundriss war dann aber doch stressig und emotional belastend, denn teilweise fehlten bis auf das Bauchgefühl die entscheidenden Argumente. Letzten Endes haben wir jetzt aber einen Grundriss, der uns gut gefällt und auf dessen Realisierung wir uns sehr freuen.

Der Entwicklungs- und Entscheidungsprozess war auch bei weitem nicht so geradlinig und stringent wie hier beschrieben. Wir waren teilweise mit einem Grundriss schon sehr weit fortgeschritten, als ich noch mit völlig neuen Ideen um die Ecke kam. Nicht immer einfach…

In dem Entwurf finden sich Ideen von mindestens sechs verschiedenen Beteiligten. Und jede neue Idee wollte überlegt und geprüft sein, bis wir sie eingebaut haben. Viele haben wir auch eingebaut, nur um sie dann doch wieder zu verwerfen. Für den gesamten Entscheidungsprozess haben wir deshalb auch sehr lange gebraucht. Insgesamt hat es jetzt 4 Monate gedauert, um zum finalen Entwurf zu kommen. Aber wie heißt es so schön:

Ende gut, alles gut!

One Response to “Grundrissentwicklungsprozess”

  1. […] ich hier bereits einmal beschrieben habe, wie wir persönlich unseren Grundriss entwickelt haben, möchte […]

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