Das Interhyp-Prinzip

Über die Auswahl eines Stromanbieters

By , 30. Juli 2013 20:14

Die Tage kam Post von unserem lokalen Energieanbieter: wir würden Strom aus dem Netz beziehen, hätten aber keinen Stromlieferanten angegeben. Sie würden uns deshalb mit der Basisversorgung versehen und ersatzweise Strom liefern.

Ups, ist uns wohl durch die Lappen gegangen. 😉

Andererseits zeigt das aber eindrücklich, auf welchem Niveau man in Deutschland Strom bekommt. Einfach ans Netz anschließen und los gehts. Ist ja schon sehr bequem.

Aber egal, darüber will ich ja gar nicht schreiben. Denn mit einem Arbeitspreis von 27 Cent/kWh ist der Grundtarif nicht eben günstig. In diesem Artikel beschreibe ich die Suche nach dem Stromanbieter unserer Wahl und welche Fallen wir dabei gefunden haben.

Der Markt der Stromanbieter ist schier unendlich. Wie soll man da den richtigen finden?
Zum Glück gibt es aber Vergleichsportale, die es ermöglichen die verschiedenen Preise miteinander zu vergleichen (ich lioste hier übrigens absichtlich keine auf). Damit läuft man aber fast schon in die erste Fall.

Vergleichsportale

Vergleichsportale sind toll. Sie ermöglichen in einem ansonsten undurchdinglichen Wildwuchs eine präzise Selektion des besten Anbieters.

Dummerweise haben die Portale einen Haken: sie arbeiten alle kommerziell. Ich kenne bis heute kein unabhängiges Portal, das einen Vergleich von Strompreisen anbietet.

Warum das ein Problem ist? Nun, mit der kommerziellen, profit-maximierenden Ausrichtung haben die Portale ihre Aufmerksamkeit weg vom Kunden, der Stromanbieter sucht, hin zu sich selbst und ihrem Profit geändert.
Und wie verdienen diese Portale Geld? Ganz genau! Durch Provisionen, die die Stromanbieter für jeden vermittelten Kunden bezahlen (gerüchteweise sind das durchaus 20-30€, manchmal auch 50€ pro Neukunde).
Und damit landen wir bei einem Interessenkonflikt! Denn die Portale könnten geneigt sein, dem Kunden das Angebot zu unterbreiten, was für das Portal den meisten Gewinn abwirft und nicht das, was dem Kunden den günstigsten Preis anbietet.

In der Tat habe ich bei vielen Portalen gesehen, dass auf Platz 1 der Trefferliste ein Eintrag steht, der nicht der günstigste ist sondern mit einer „Empfehlung“ des Portals versehen ist. Worauf diese „Empfehlung“ basiert, wird verschwiegen…

Außerdem gibt es meistens irgendwelche „Qualitätsrichtlinien“, nach denen die Angebote gefiltert werden. Natürlich ohne genau zu erläutern, wie diese Richtlienien beschaffen sind. Letzten Endes hat ein Vergleichsportal damit ein Mittel an der Hand, um Anbieter, die eine geringe Provision zahlen, aus den Suchergebnissen auszuschliessen.

Andererseits kann man das mit berücksichtigen und den anderweitig unschätzbaren Nutzen aus diesen Portalen ziehen und fleissig vergleichen.

Damit komme ich zu zwei möglichen Fallen, die in den Tarifen selber versteckt sind.

Tarife mit Neukundenbonus

Bei Tarifen dieser Art verspricht der Stromanbieter, dass nach einer gewissen Vertragslaufzeit mit der nächsten Jahresabrechnung ein gewisser Prozentsatz (typischerweise 25%) des bezahlten Preises erstattet wird. Der zu Grunde liegende kWh-Preis ist dabei durch die Bank sehr hoch und liegt im Bereich der Basisversorgung eines Stromnetzbetreibers (z.B. 27 Cent / kWh).
Das Geschäftsmodell basiert ganz klar darauf, dass sich Kunden von dem überaus günstigenPreis anlocken lassen und den Vertrag anschließend nicht kündigen. Sei es, weil sie um den Bonus fürchten oder weil sie es schlichtweg vergessen.
Diese Tarife bieten aus meiner Sicht zwei Risiken:

  • Unklare Geschäftsbedingungen
    Die AGB der Anbieter klingen merkwürdig ähnlich und gleichen sich in einem Punkt: es ist nicht klar erkennbar, ob man den Bonus auch dann erhält, wenn man zum Ende des ersten Jahres (die Mindestlaufzeit) kündigt. Die AGBs, die ich mir angeschaut habe, enthielten einen Passus, der den Bonus verweigerte, wenn man vor Ablauf des ersten Jahres kündigte. Dabei blieb durchaus unklar, ob damit eine reguläre Kündigung zum Ende des ersten Jahres gemeint ist oder eine Kündigung vor Ablauf des Jahres, aus welchen Gründen auch immer das möglich sein könnte.
    Ergänzend muss ich immerhin anmerken, dass ein Anbieter, den ich dazu angeschrieben hatte, mir glasklar bestätigt hat, dass der Bonus auch dann ausgezahlt wird, wenn man fristgerecht zum Ende des ersten Jahres gekündigt hat.
  • Ausfall des Anbieters
    Das Feld der Stromanbieter ist ein durchaus volatiles Feld und keiner garantiert, dass ein Anbieter ein Jahr später immer noch da ist, um mir den Bonus auszuzahlen. Denn im Endeffekt trete ich in Vorkasse, indem ich teure kWh-Preise vorab bezahle und darauf vertraue, einen Teil zurückzubekommen.

Was mit solch einem Tarif passieren kann, zeigt ein aktuelles Fallbeispiel.

Der Anbieter Flexstrom hatte mit einem besonders günstigen Tarif geworben, der den Kunden die Erstattung eines Teils der Gebühren versprach. Kunden, die wie oben beschrieben, kündihgten, hatten dann aber Probleme bei der Auszahlung dieses Bonus.
Die Streiterei zog sich lange hin und es kam zu einer Klage. Diese Klage verlor Flexstrom letztendlich und wurde zur Auszahlung der versprochenen Boni verurteilt (siehe Landgericht Berlin, Aktenzeichen 16 O 640/11).

Die Folge davon wurde sehr schnell sichtbar: zum 1. Juli 2013 hat Flexstrom Insolvenz angemeldet. Ob die Kunden nun überhaupt etwas erhalten, steht in den Sternen. Und selbst wenn man als Gläubiger etwas erhält, kann es auch durchaus 1% der Forderung betragen…

Die Zusammenfassung ist natürlich überaus knapp. Wer mehr dazu lesen möchte, wird z.B. hier fündig:

Und damit komme ich zu einer anderen Tarifart, die anscheinend die Unwissenheit der Kunden ausnutzen will.

Paketpreise: sehr riskant bei Fehlkalkulation

Es gibt einige anbieter, die in ihren Tarifen eine Pseudo-Flatrate verkaufen: man bezahlt einen fixen Betrag und erhält eine fixe Anzahl an Strom. Der durchschnittliche Preis, der dabei rauskommt, ist gar nicht mal schlecht.
Was soll hier also faul sein?

Nehmen wir mal einen fiktiven Stromanbieter namens „Strom AG“. Die Strom AG bietet eine Tarif an, der ein Paket von 8.200 kWh für den Jahrespreis von 1.902€ enthält. Die so erstandene Kilowattstunde kostet dann 23,2 Cent.
(Der Anbieter ist fiktiv, die Preise entstammen aber realen Beispielen, die ich recherchiert habe.)

Der Kilowattstunden-Preis gilt dabei nur, wenn man exakt 8.200 kWh verbraucht, denn:

  • Verbraucht man weniger, bezahlt man trotzdem 1.902 €.
  • Verbraucht man mehr, bezahlt man für jede mehr verbrauchte Kilowattstunde 40 Cent, also einen Aufschlag von 72%.
    Die exakte Höhe beim Mehrverbrauch mag variieren, ist jedoch typischerweise in der Region von 50% Aufschlag zu finden.

Schauen wir uns den Preis doch mal an, wenn man sich nur um 10% im Verbrauch verschätzt:

  • 10% Minderverbrauch sind 8.200 kWh * 0,9 = 7.380 kWh.
    Die Kilowattstunde kostet dann 1.902 € / 7.380 kWh = 25,7 Cent pro kWh
  • 10% Mehrverbrauch bedeuten, dass man 820 kWh zusätzlich einkaufen muss. Diese kosten 820 kWh * 0,4 €/kWh = 328,00 €.
    Der kWh-Preis für die gesamte Strommenge ist dann: \small\frac{1.902 \text{Euro}+328 \text{Euro}}{8.200kWh+820kWh}=24,7\frac{Cent}{kWh}

Dieses Ergebnis bedeutet, dass sich bereits bei einer Ungenauigkeit von 10% – und wer kann seinen Stromverbrauch derart präzise vorhersagen? Alleine das Wetter verhindert das schon! – der Kilowattstundenpreis um 2,5 Cent (Minderverbrauch) bzw. 1,5 Cent (Mehrverbrauch) verschlechtert. Und zwar für jede einzelne im Jahr verbrauchte Kilowattstunde, nicht nur für den Mehr- oder Minderverbrauch!
Verschätzt man sich um 20% landet man bei einem Minderverbrauch bereits bei einem Preis von 28,99  Cent / kWh. Das ist teurer als jeder Basistarif der Stromnetzbetreiber!

Die Anbieter der Paketpreise locken also mit einem sehr günstig erscheinende Tarif, der sich aber bei den unausweichlichen Fehlkalkulationen sehr schnell sehr stark verschlechtert. Nicht umsonst muss man bei den großen Vergleichsportalen die Paket-Tarife in der Suche gesondert aktivieren.

Ergebnis

Die oben beschriebenen Erkenntnisse haben uns zwei Entscheidungen treffen lassen:

  • Tarife mit Paketpreisen bleiben außen vor.
    Wir bewohnen unser Haus noch nichtmals. Wie sollen wir da verlässlich abschätzen können, wie viel Strom wir brauchen? Das finanzielle Risiko, das wir hier eingehen würden, lohnt sich nicht.
  • Tarife mit Neukundenbonus bleiben außen vor.
    Prinzipiell sind die Anbieter solche Tarife vielleicht seriös. Mir ist das Risiko trotzdem zu groß. Einer Ersparnis von ca. 200€ steht ein Verlustrisiko von ca. 500€ gegenüber, wenn der Anbieter in die Insolvenz geht und ich auf meinen Bonus verzichten muss. Da warte ich lieber ab, wie sich die Lage entwickelt und entscheide nächstes Jahr noch einmal neu.

Am Ende haben wir uns für das Schwarzbrot unter den Stromanbietern entschieden: gesund und einfach.

Wir bezahlen eine monatliche Gebühr und pro Kilowattstunde einen günstigen Preis von ca. 23 Cent. Dass der Strom dieses Anbieters zu 100% aus regenerativen Energiequellen stammt, tut dem ökologischen Gewissen gut und zeigt, dass dieser Strom nicht teuer sein muss.

Diese Entscheidung bedeutet aber auch nicht, dass ich jetzt Stammkunde bei dem Anbieter bin. Nächstes Jahr wird eine neue Runde eingeläutet, bei der wieder gilt: „Neues Spiel, neues Glück!“

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