Das Interhyp-Prinzip

Pizzaestrich: wann darf ich den Boden belegen? [Aktualisiert, Bilder]

By , 5. Juli 2013 21:27

So ein Fußboden ist ja fast wie eine Pizza: ohne Belag fehlt etwas. 😉

Jetzt ist es aber so, dass der Fußboden aus gegossenem Estrich besteht, der noch eine Menge Feuchtigkeit enthält. Und mit „eine Menge“ meine ich 2.000 Liter Wasser, die für die Herstellung des Estrichs verbraucht wurde. Das macht mal eben schlappe 17 Liter Wasser pro Quadratmeter.

Und die müssen nach eine gewissen Ruhephase wieder raus. Denn sonst kommt es später zu Rissen, die den Estrich beschädigen und das, was darauf liegt und fest mit dem Estrich verbunden ist, gleich mit. Hinzu kommt auch noch die Gefahr ausgiebiger Schimmelbildung, wenn der Fußbodenbelag hinreichend dicht ist und die verdunstende Feuchtigkeit nicht abziehen lässt.

Über das Heizprogramm, das zu diesem Zweck gefahren wird, werde ich sicherlich noch an anderer Stelle ein paar Worte verlieren. Hier geht es mir aber darum, wie der richtige Zeitpunkt bestimmt wird, ab dem der Fußboden belegt wird.

Weiter geht es nach dem Klick, es wird länger. 🙂

Grundlagen

Zunächst gibt es als Richtschnur verschiedene Werte, die für Fußböden mit und ohne Fußbodenheizung für jeweils verschiedene Beläge gelten. Diese Tabellen gibt es zu Haus im Internet, ich will sie nicht zitieren.
Wichtig für uns: für den Feinsteinzeug-Bereich dürfen maximal 1,8% und für den Parkett-Bereich maximal 1,5% Restfeuchte enthalten sein.

Liest man aber nun diese Tabellen sorgfältig, fällt auf, dass mit Prozent verschiedene Meßwerte gemeint sein können: Volumenprozent oder Masseprozent. Beide sind unterschiedlich definiert und meinen etwas anderes. Welches ist es denn nun?
Die Antwort ist einfach: keines!
Gemeint sind die sogenannten CM-%.

CM-% ist das Ergebnis, was ein Messverfahren namens Calciumcarbid-Methode letzten Endes ausgibt. Dieses Verfahren wurde ersonnen, weil es doch sehr schwer ist, geringe Feuchtigkeitsanteile direkt zu messen. Man nutzt deshalb eine chemische Reaktion eines Mittels, das mit Wasser reagiert.
Hier hat sich offensichtlich Calciumcarbid bewährt, das mit Wasser wie folgt reagiert:

CaC_2 + 2 H_2O\to Ca(OH)_2 + C_2H_2

Die Reaktionsformel sagt aus, dass das Calciumcarbid \small(CaC_2) mit dem im Estrich enthaltenen Wasser \small(H_2O) reagiert und dabei zwei Dinge entstehen: Calciumhydrooxid \small(Ca(OH)_2) sowie Acetylen \small(C_2H_2).
Acetylen ist ein Gas, das sich im Probenbehälter bildet. Ist dieser dicht (was deshalb eine fundamentale Voraussetzung für diese Messung ist), erhöht sich der Druck im Gefäß. Und das kann man sehr gut und sehr einfach messen.
Die Messung der Feuchtigkeit erfolgt also letzten Endes über die Messung eines Gasdrucks.
Als letztes Detail muss man nur noch wissen, dass bei einem gegebenen Raum der Druck maßgeblich von der Menge des Gases abhängt. Die Menge des gebildeten Gases hängt wiederum von der Menge der reagierenden Stoffe ab. Will heißen: eine größere Estrichprobe bildet mehr Gas aus. Man muss also für die exakte Bestimmung der Feuchtigkeit die verwendete Probe exakt wiegen. Typischerweise werden wohl 20g, 50g oder 100g Probe, also Estrich, verwendet. Analoge Messgeräte haben deshalb wiederum Skalen für alle drei Probengewichte, so dass man dann den Feuchtigkeitswert darüber ablesen kann.

Oben hatte ich ja noch zwei andere Werte erwähnt: Volumen- und Masseprozent. Diese unterscheiden sich signifikant von den CM-%!
Bei dem CM-Verfahren (jaja, ich schreibe gerade Calciumcarbidmethode-Verfahren ;-)) wird das reaktionsfähige Wasser gemessen. Mithin das, was auf den Außenseiten der einzelnen Estrichpartikel vorhanden ist (was auch der Grund dafür ist, dass die Estrichprobe gut zerkleinert werden muss). Es gibt aber immer noch Wassermoleküle, die im Inneren der Partikel enthalten sind und im Estrich gebunden sind und deshalb nicht mit dem Calciumcarbid reagieren können.
Möchte man also den Masseanteil des Wassers bestimmen, muss man die Probe exakt wiegen, dann nach einem normierten Verfahren („Darrverfahren“) trocknen und dann erneut wiegen. Die Differenz ist der Anteil des Wassers an der Masse der Probe.
Das Ergebnis dieser Probe liegt natürlich immer über dem der Calciumcarbid-Methode. Umrechnen kann man beide Werte leider nicht, man kann es nur messen.
Empirisch scheint es aber so zu sein, dass der Masseanteil ca. 1-2 Prozentpunkte über dem CM-Anteil liegt. Ein Estrich mit 2 CM-% könnte also beispielsweise 3,5 Masse-% an Wasser haben.

Aufbau

Das praktische an dieser Messmethode ist auch, dass das gesamte Messequipment in einen einzelnen Koffer passt.

Messkoffer mit Inhalt

Messkoffer mit Inhalt

Auf dem Bild sieht man neben dem (gepolsterten) Koffer vor allem zwei Dinge: im Vordergrund die Federwaage, an der ein weißes Schälchen hängt, das später die Estrichprobe aufnimmt. Mit der Waage wird bestimmt, dass man die richtige und exakte Menge an Estrichprobe entnommen hat.

Rechts neben dem Koffer sieht man noch die Messkanne (in Ermangelung eines besseren Namens). Dort wird die zerkleinerte Estrichprobe mit dem Calciumcarbid gegeben. Der Deckel, der die Kanne luftdicht bzw. gasdicht verschließt enthält die abzulesende Messskala.

Vorbereitung der Messung

Vorbereitung der Messung

Von dem eigentlichen Messvorgang konnte ich keine Bilder machen, es dauert auch recht lange, bis das Ergebnis feststeht. Hier sieht man aber die unmittelbare Vorbereitung: die Probe ist im Schälchen und wird abgewogen.

Und damit habe ich die richtige Überleitung zu dem folgenden Abschnitt:

Ergebnisse

Der Estrich in unserem Haus wurde nun schon zwei mal geprüft. Leider dauert es wahre Ewigkeiten, bis der Estrich trocken genug ist. Erschwerend kommt hinzu, dass der Estrich im Keller einige Wochen nach dem im Erdgeschoss eingebaut wurde. Darüber hinaus haben wir ja auch noch die frisch verputzten Wände, die zusätzliches Wasser mitbringen.

Bei unserer ersten Messung Ende Juni hatte der Estrich im Erdgeschoss noch 3 CM-%, was eindeutig zu viel ist. Drei Wochen Heizprogramm später waren es letzte Woche nur noch 2,1 CM-%. Das bedeutet, dass seit heute die ersten Bodenfliesen verlegt werden können! Yay! 🙂

Im Keller sieht es aber nicht so gut aus. Dort ergab die Messung von letzter Woche immer noch 3 CM-%, was wohl bedeutet, dass wir unsere Termine ein weiteres Mal über den Haufen werfen müssen. Statt dort ab nächster Woche zu fliesen und Parkett zu verlegen, müssen wir mindestens drei weitere Wochen warten…

Was passieren, wenn man ohne Feuchtigkeitsmessung den Boden verlegt, mussten andere Bauherren leidvoll feststellen. Da kann man nur die Daumen drücken, dass es nicht so schlimm ist, wie es aussieht…

3 Responses to “Pizzaestrich: wann darf ich den Boden belegen? [Aktualisiert, Bilder]”

  1. Wolfgang D sagt:

    Bei der CM-Reaktion entsteht neben dem Ethin natürlich kein Calciumhydrochlorid (es fehlt ja auch ds Chlor in der Summenformel), sondern Calciumhydroxid.
    Ansonsten wühlst Du Dich ja schon ordentlich in die Materie ein, gell?

    • Christoph sagt:

      Hallo Wolfgang,

      danke für den Hinweis! Ich wollte nur testen, ob auch jemand den Artikel wirklich liest. *hüstel*
      Als Preis hast Du eine kleine Estrichprobe gewinnen. 😉

      Und ja, ich habe den Anspruch alles zu verstehen, was da so passiert. Wahrscheinlich zum großen Leidwesen unseres Bauleiters. 😀

      viele Grüße
      Christoph

  2. Anja sagt:

    Und ich dachte immer, ich wäre ein anstrengender Kunde. 😉

Leave a Reply

Panorama Theme by Themocracy